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Welche Einwanderergruppen nutzen Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung?

Auch zu dieser Frage liegen keine Daten vor. Da prinzipiell aber alle Menschen von einer Behinderung betroffen sein können, kann man davon ausgehen, dass es in jeder Gruppe von Einwanderern auch Menschen mit Behinderung gibt. Sowohl nach Art der Beeinträchtigung als auch in Bezug auf die Migrations- und Integrationserfahrungen, das Herkunftsland (der Familie), den rechtlichen Status und ihre aktuelle sozio-ökonomische Situation sind sie eine äußerst heterogene Gruppe.

Bei der überwiegenden Mehrheit handelt es sich um Nachkommen von Arbeitsmigranten und (Spät-)aussiedlern. Darunter sind auch Kinder von Einwanderern, die in früheren Jahrzehnten als Asylsuchende nach Deutschland gekommen sind und anerkannt wurden. Die spezifischen Bedarfe dieser Menschen mit Behinderung und ihrer Familien dürften ebenso heterogen sein wie diese Gruppe selbst. Eine Mehrheit der Zuwanderfamilien hat sich in der gesellschaftlichen Mitte etabliert, spricht gut bis exzellent Deutsch und hat zumindest einen groben Überblick über die Struktur des Sozialsystems in Deutschland. Somit verfügt diese Gruppe auch über die Kompetenzen, passende Unterstützungsangebote zu identifizieren und in Anspruch zu nehmen. Soziale Probleme, die häufig mit dem Begriff Migrationshintergrund verbunden werden, bestehen überwiegend in traditionsverwurzelten und prekären Milieus, deren Lebenslagen von Armut und mangelnden Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven geprägt sind. Das heißt: Integrationsdefizite sind eher schichtspezifisch als migrationsspezifisch. Vor allem für diese Gruppe ist der Zugang zu Beratung und zu Unterstützungssystemen durch sprachliche und kulturelle Barrieren erschwert.

Eine zweite Gruppe sind – gerade in jüngster Zeit und mit steigender Tendenz - Einwanderer der ersten Generation (Neueinwanderer) aus Ländern der europäischen Union und dem außereuropäischen Ausland. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um Familien, deren Kinder mit Behinderung noch im Herkunftsland oder schon in Deutschland geboren worden sind. Dass Menschen mit Behinderungen im Erwachsenenalter migrieren (können), ist eher unwahrscheinlich, da die Voraussetzung für die dauerhafte Einwanderung der Nachweis ist, den Lebensunterhalt ohne staatliche Unterstützung selbst bestreiten zu können. Auch diese Gruppe ist äußerst heterogen. Zugangsbarrieren dürften auch bei ihnen vor allem vom Bildungsstand und den sozialen und materiellen Ressourcen abhängen. Insgesamt wird diese Gruppe aber stärker auf mehrsprachige Informations- und Beratungsangebote zum deutschen Unterstützungssystem für Menschen mit Behinderung angewiesen sein. Darüber hinaus ist das Verhältnis dieser Familien zu den Unterstützungsdiensten auch davon abhängig, welche Rolle die Behinderung des Kindes für die Migrationsentscheidung und die Bleibeperspektive spielt.

Dazu ein Beispiel: Familien aus Herkunftsländern, in denen soziale Unterstützungssysteme und therapeutische Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen weniger gut ausgebaut sind und ein medizinischer Blick auf Beeinträchtigungen vorherrscht, kommen häufig mit der Erwartung, die Behinderung des Kindes könne „wegtherapiert“ werden. Werden diese Erwartungen enttäuscht, interpretieren Familien dies unter Umständen als Diskriminierung und reagieren mit Vorwürfen und Misstrauen. Dies kann die Beziehung zwischen Familien und Fachkräften der Behindertenhilfe extrem belasten und sogar zum Abbruch der Behandlung führen. Je stärker das Migrationsprojekt mit der Hoffnung auf „Genesung“ des Kindes verbunden war, desto mehr kann die Migration als Scheitern erlebt werden.

Seit 2011 steigen die Zahlen von Asylsuchenden die Aufnahme und Schutz in Deutschland suchen. Unter ihnen sind auch Familien mit behinderten Kindern und, wenn auch vermutlich in geringerer Zahl, erwachsene Menschen mit Behinderung. Zwar sind Asylsuchende im Vergleich zu den anderen Einwanderergruppen nur eine kleine Kundengruppe. Dafür aber eine, die Dienste und Einrichtungen der Behindertenhilfe vor besondere Herausforderungen stellt: Neben den für Neuwanderern üblichen sprachlichen und kulturellen Barrieren, kommen bei Asylsuchen spezifische Problemlagen hinzu, die sich aus ihrem rechtlichen Status und aus den psychosozialen Belastungen durch die Flucht und das Asylverfahren ergeben.

Das Asylbewerberleistungsgesetzt sieht lediglich eine medizinische Grundversorgung bei akuten Erkrankungen vor. Zwar können darüber hinaus Leistungen erbracht werden, „wenn sie im Einzelfall zur Sicherung der Gesundheit unerlässlich“ sind, ihre Genehmigung liegt im jeweiligen Ermessen der zuständigen Behörden. Dies führt vielfach dazu, dass erforderliche Unterstützungs- und Fördermaßnahmen sowie Hilfsmittel aufwändig beantragt und zum Teil auch erst eingeklagt werden müssen. (verlinken mit Infobox) Abgesehen davon brauchen in der Regel auch die Eltern und Geschwister intensive Unterstützung. Viele Flüchtlinge sind durch Krieg und Gewalt vor und während der Flucht traumatisiert. Sie benötigen therapeutische Hilfe und unter Umständen rechtlichen und psychosozialen Beistand im Asylverfahren. Der Anspruch einer familien- bzw. personenzentrierten fachlichen Unterstützung lässt sich nur umsetzen, wenn Dienste und Einrichtungen Kooperationsbeziehungen mit Flüchtlings- und Migrationsberatungsstellen eingehen.

 

Weiterführende Informationen

Die Begrifflichkeiten "traditionsverwurzelte und prekäre Milieus" wurden durch die Migranten-Milieu Studie des Sinus Instituts von 2008 geprägt.
Die repräsentative Studie versuchte erstmals der Vielfalt von Lebenswelten und Lebensstilen eingewanderter Menschen und ihrer Nachkommen gerecht zu werden.

Eine kurze Zusammenfassung finden Sie hier.

 
 

Kinder brauchen schnelle und unbürokratische Hilfe

Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

 
 
 
 

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