Lebenshilfe Bremen

Ausgangslage

Der Stadtstaat Bremen hat eine der höchsten Anteile von Menschen mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland. Die Lebenshilfe der Hansestadt beklagte Anfang des Jahrtausends, dass diese Menschen noch zu selten den Verein aufsuchten. 2006 rief man deshalb die Beratungsstelle „Behinderung und Migration“ ins Leben. Sie sollte als Türöffner dienen, um Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen und Ihnen die Angebote der Lebenshilfe näher zu bringen.

Zielgruppe

Das Angebot richtet sich vor allem an Familien mit türkischem oder kurdischem Migrationshintergrund und behinderten Angehörigen. Außerdem werden externe Fachkräfte zum Thema Migration und Behinderung beraten.

Arbeitsweise/Konzept

Die Beratungsstelle kann in der Muttersprache telefonisch oder persönlich kontaktiert werden. Meist geht es um Angehörige, gelegentlich melden sich Betroffene selbst. Fragen zu Pflegebedürftigkeit, zum Schwerbehindertenausweis oder zur Familienhilfe sind die häufigsten. Die Beratungsstelle dient dabei auch als Schnittstelle zu den anderen Einrichtungen der Bremer Lebenshilfe. Der Austausch geht dabei idealerweise in beide Richtungen. So ist die Beratungsstelle darauf ausgerichtet, auch innerhalb der Lebenshilfe für Migrationsthemen zu sensibilisieren.

Kooperationspartner

Die Beratungsstelle setzt auf Vernetzung, sowohl mit Migrantenorganisationen als auch solchen der Behindertenhilfe. So gibt es einen stetigen Austausch mit dem Bremer Rat für Integration, Moscheen, dem Landesbehindertenbeauftragten und mit Elternvereinen.

Entwicklungsziele

Die Arbeit mit Flüchtlingen und Asylbewerbern wird nach Überzeugung der Verantwortlichen in der Beratungsstelle in den kommenden Jahren wichtiger. Wünschenswert sei, Kollegen mit weiteren Sprachkenntnissen zu binden, um auch über das bisherige Zielpublikum hinaus Menschen zu erreichen.

Ressourcen

Drei Jahre wurde die Beratungsstelle von der „Aktion Mensch“ unterstützt. Die Lebenshilfe finanzierte die Stelle weiter, allerdings musste das Stundenkontingent der Mitarbeiterin gekürzt werden.

Porträt

Als die Mitarbeiterin der Lebenshilfe Bremen e.V. vor elf Jahren das Thema Behinderung und Migration auf die Tagesordnung setzte, wusste sie sehr gut, worüber sie spricht. Sie selbst hatte nicht nur einen türkischen Migrationshintergrund, sondern auch einen Bruder mit Behinderung. 2004 war es, als die Lebenshilfe einen Arbeitskreis bildete, um künftige Schwerpunkte zu beraten. Migration und Behinderung wurde dabei schnell als ein Problemfeld ausgemacht. Jeder dritte Bremer hat Migrationshintergrund, ein Anteil, den die Lebenshilfe bei ihren Klienten nicht erreichte. 2006 wurde deswegen die Beratungsstelle „Behinderung und Migration“ ins Leben gerufen, und zwar durch eine auf drei Jahre befristete Förderung der „Aktion Mensch“.

Neun Jahre später existiert die Beratungsstelle immer noch. Das ist nicht selbstverständlich, da viele solcher Projekte mit Auslaufen der Förderung enden. Die Lebenshilfe Bremen aber erkannte die Potenziale und führte das Projekt mit eigener Finanzierung fort. Allerdings mit deutlich gekürztem Stundenvolumen für die Beraterinnenstelle, die inzwischen von Rumeysa Özalp besetzt ist. Knapp zehn Wochenstunden arbeitet sie hier, weitere zehn als Koordinatorin im Familienunterstützenden Dienst im Bereich „Individuelle Beratung“ der Lebenshilfe. Womit Özalp in Personalunion einen wesentlichen Beitrag leistet, ein Ziel der Beratungsstelle umzusetzen. Nämlich die interkulturelle Sensibilisierung innerhalb der Bremer Lebenshilfe – durch die Vernetzung von „Behinderung und Migration“ mit anderen Arbeitsbereichen.

Zunächst soll die Beratungsstelle aber als Türöffner für Menschen mit Migrationshintergrund dienen. Özalps Vorgängerin hatte türkische Wurzeln. Özalps selbst spricht Kurdisch, daneben auch Türkisch.„Das erweitert das Spektrum der Klienten, die ich beraten kann“, sagt sie. Offen ist die Beratung für alle, die selbst behindert sind oder sich um behinderte Angehörige kümmern. Die Themen sind vielfältig, mal geht es um die Möglichkeiten von Verhinderungspflege, mal um die Beantragung einer Pflegestufe. „Die Menschen kommen mit sehr konkreten Fragen zu uns.“

Özalp versucht, wenn möglich, an andere Lebenshilfe-Bereiche zu vermitteln. „Da ist es hilfreich, dass ich in der Geschäftsstelle sitze und mich mit Kollegen austauschen kann“, sagt sie. Stellt sich beispielsweise im Gespräch heraus, dass eine ambulante pädagogische Hilfe angebracht wäre, könnten Kollegen aus dem Bereich dazu geholt werden. „Oder ich bin komme zum ersten Hausbesuch mit.“

Mitunter entwickelt sich ein regelrechter Rechercheauftrag aus einem Gespräch. Gerade, erzählt Özalp, habe sie eine Frau beraten, deren Bruder eine Behinderung habe und in der Türkei bei der verwitweten Mutter lebe. Nun, da die Mutter sich nicht mehr um die Pflege des Sohnes kümmern könne, sollte er nach Bremen zur Schwester geholt werden. Rumeysa Özalp rief Pflegestützpunkte an, die Ausländerbehörde, und schließlich auch die deutsche Auslandsvertretung in der Türkei. „Man muss immer sehr individuell reagieren“, sagt sie.

Die Akzeptanz der Lebenshilfe bei Menschen mit Migrationshintergrund hat die Beratungsstelle erhöht, jedenfalls legen das Zahlen aus der Zeit der Aktion-Mensch-Förderung nahe. Wurden im ersten Jahr des Projekts in der Lebenshilfe noch 38 Familien mit Migrationshintergrund beraten und betreut, waren es im dritten schon 80, erklärt Özalp. Zudem habe es im Projektzeitraum 58 neue Vereinsmitgliedschaften bei der Bremer Lebenshilfe gegeben.

 
 

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