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Qualitätsmerkmale Kultursensibler Arbeit

Kultursensible Arbeit bezieht sich auf die Qualität der Handlungspraxis, mit der Fachkräfte aus Diensten und Einrichtungen Menschen unterschiedlicher Herkunft begegnen: Es geht um die innere Haltung und die sozialen Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie um das Repertoire an Strategien und Vorgehensweisen, auf das sie zurückgreifen können, um Zugangs- und Verständigungsbarrieren abzubauen. Beides muss sich in der Qualität der Beratung und Begleitung für die Kunden spürbar niederschlagen. Sind folgende Merkmale erfüllt, dann befinden sich Dienste und Einrichtungen bereits auf einem guten Weg: 

  • Fachkräfte begegnen allen Kunden offen und empathisch.
  • Sie sind in der Lage, die individuelle Lebenswelt der Kunden ganzheitlich zu erfassen und zu verstehen. Kultursensible arbeiten heißt daher immer auch personen- bzw. familienzentriet zu arbeiten. Außerdem beziehen Fachkräfte Dimensionen ein, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar mit der Behinderung im Zusammenhang stehen, aber Einfluss auf das Beratungs- und Unterstützungsverhältnis haben können wie z.B. aufenthaltsrechtliche Fragestellungen, die Migrations- und Integrationserfahrungen der Person/Familie. Hilfreich ist ein Fragenkatalog zur kultursensiblen Erhebung der Lebenswelt .
  • Fachkräfte sind sich eigener Vorurteile, Stereotypen und kultureller Prägungen bewusst und hinterfragen diese kritisch. Sie vermeiden es, Vorurteile und Stereotypen zu bestimmten Zielgruppen als Erklärungsansätze heranzuziehen.
  • Sie sind sich darüber bewusst, dass Erklärungsmodelle, die kollektive kulturelle oder religiöse Besonderheiten ins Zentrum stellen (wie z.B. das Verhältnis von Islam zu Behinderung) nur eine begrenzte Reichweite haben, um die individuelle Perspektive der Kunden zu erfassen. Sie mögen interessante Hintergrundinformationen zur Interpretation des Einzelfalls liefern, ersetzen aber nicht ein ganzheitliches Verständnis der individuellen Lebenswelt.
  • Fachkräfte sind sensibel für das Machtungleichgewicht, das Kunden in der Beratungs- und Unterstützungssituation empfinden können. Sie sind sich darüber im Klaren, dass mangelnde Sprachkenntnisse auf Seiten der Kunden (Deutschkenntnisse im Allgemeinen und/oder mangelnde Kenntnisse der Fachterminologie im Besonderen) die Machtdifferenz verschärfen. Sie suchen aktiv nach Lösungen, um sprachliche Barrieren auszuräumen, indem sie z.B. eine einfache Sprache verwenden, wichtige Informationen visualisieren oder mehrsprachig vorhalten, bei komplexen Aufnahme-, Diagnose- und/oder Therapiegesprächen Dolmetscher oder ehrenamtliche Sprachmittler einbeziehen.
  • Fachkräfte reagieren flexibel auf individuelle Bedürfnisse ihrer Kunden, auch wenn diese aus kulturspezifischen oder religiösen Begründungen abgeleitet werden, die ihnen selber fremd sind. Flexibilität heißt nicht, eigene Werte und Überzeugungen über Bord zu werfen. Flexibilität bedeutet vielmehr, die eigenen Handlungsroutinen kritisch zu überprüfen und an den Einzelfall anzupassen, Spielräume auszuloten, im Konfliktfall Kompromisse auszuhandeln und sich um die Veränderung von Rahmenbedingungen zu bemühen, wenn diese nachweislich ein personenzentriertes Arbeiten erschweren. Das Bonmot des früheren Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Hubert Hüppe, bringt dies treffend auf den Punkt: „Wer Inklusion will, sucht Wege. Wer sie nicht will, sucht Begründungen.“
  • Kultursensibel arbeitende Fachkräfte haben auch ein Bewusstsein für die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Sei es, was das bloße Verstehen von ihnen fremden Lebenswelten anbelangt, sei es was Kompetenzen und Wissen betrifft, das über behinderungsrelevante Fragestellungen hinausreicht, aber für eine gute Unterstützung der Kunden relevant ist, wie z.B. zu aufenthaltsrechtlichen Fragestellungen. Sie suchen sich kompetente Partner bei Migrantenselbstorganisationen, in der Migrations- und Flüchtlingsarbeit, bei kommunalen Dolmetscher- und Kulturmittlerangeboten. Sie sind bereit, dabei neue Wege der Kooperation zu beschreiten. Familien unterschiedlicher Herkunft, zu denen bereits ein Vertrauensverhältnis besteht, begreifen sie als Brückenbauer und versuchen deren lebensweltliche Expertise für die Weiterentwicklung ihrer Angebote zu nutzen.
  • Schließlich sind diese Qualitätsmerkmale für kultursensible Arbeit nicht als Anforderungskatalog zu verstehen, für deren Umsetzung die einzelne Fachkraft die Verantwortung trägt. Ohne die aktive Unterstützung durch die Führungsebene und eine Anpassung von Rahmenbedingungen und Strukturen ist kultursensible Arbeit Einzelner auf Dauer nicht möglich. Fachkräfte benötigen zeitliche und materielle Ressourcen für Fortbildungen, Möglichkeiten zur Reflexion und Supervision und Führungskräfte, die sich für die Anpassung von Rahmenbedingungen stark machen.

Hier geht es zu Praxisbeispielen kultursensibler Arbeit.

 
 
 

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