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Kultur ist nicht "Herkunftskultur", sondern Vielfalt

Im Alltagsverständnis wird Kultur, wenn es um das Verhältnis zwischen mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen und eingewanderten Menschen geht, häufig mit einer vermeintlichen Herkunftskultur der Migranten gleichgesetzt. Im fachlichen Verständnis bezeichnet Kultur nicht nur die „Kultur“ der Migranten, sondern auch die „Kultur“ der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. die Dynamik, die entsteht, wenn Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen in Interaktion treten. Kultur bezieht sich dabei nicht nur auf Prägungen, die durch ethnische, nationale und religiöse Zugehörigkeiten entstehen können, sondern bezieht Dimensionen wie Alter, Geschlecht, physische Fähigkeiten, rechtlichen und ökonomischen Status etc. gleichberechtigt ein. Mit Kultur ist also die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Vielfalt und individueller Verschiedenheit (Diversität) gemeint, die die Einwanderungsgesellschaft Deutschland ausmachen.

„Hören” wir “auf, von „wir“ und „denen“ zu reden. Es gibt ein neues deutsches „Wir“, die Einheit der Verschiedenen .“ 

Der Begriff Kultur hat in den letzten beiden Jahrzehnten einen mehrfachen Bedeutungswandel durchgemacht. Er hat sich dabei als immer weniger geeignet erwiesen, die gesellschaftliche Vielfalt und die individuellen Verschiedenheiten der Bürger, die heute die Einwanderungsgesellschaft ausmachen, zu beschreiben. Holzschnittartig können wir gegenwärtig zwei Auffassungen von Kultur unterscheiden – das gruppen- und das handlungsbezogene Kulturverständnis. Der gruppenbezogene Kulturbegriff dominiert nach wie vor das alltagssprachliche Verständnis von Kultur. Kultur wird als ein statisches System von Werten, Normen, Symbolen und Techniken verstanden, mit dem sich die kollektive Identität einer Gruppe beschreiben lässt und die sie von anderen Gruppen unterscheidet. Individuen werden in erster Linie als Träger einer Kultur gesehen und weniger als Individuen die Erfahrungen je nach Situation und Ressourcen unterschiedlich verarbeiten. 

In interkulturellen Überschneidungssituationen, d.h. Situationen, in denen Personen mit unterschiedlichen kulturellen Orientierungssystemen aufeinandertreffen und kommunizieren, führt dieses Kulturverständnis zu Stereotypisierungen und Kulturalisierungen, die gegenseitiges Verstehen erschweren, Diskriminierung Vorschub leisten und gesellschaftliche Machtkonstellationen („wir“ Deutschen – „die“ Ausländer) manifestieren. 

In fachlichen Zusammenhängern dominiert das handlungsbezogene Kulturverständnis. Es geht nicht von Gruppen, sondern vom handelnden Individuum aus. Kultur bezeichnet hier ein Orientierungssystem , das ein Individuum in unterschiedlichen sozialen Kontexten erworben haben, um ihre Umgebung zu deuten, mit anderen zu kommunizieren und situationsbezogen angemessen zu handeln. Der handlungsbezogene Kulturbegriff geht davon aus, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens – und auch gleichzeitig - in verschiedenen soziokulturellen Kontexten bewegen und damit eine Vielzahl von Werten und Normen verinnerlichen, verarbeiten, immer wieder verändern und situationsbezogen anzuwenden wissen. Menschen haben damit komplexe und vielschichtige kulturelle Identitäten und können je nach Kontext und Situation zu unterschiedlichsten Gemeinsamkeiten und Unterschieden mit anderen kommen oder eben auch nicht.

Dieses Kulturverständnis ist niemals nur auf die Herkunftskultur beschränkt, sondern bezieht alle Zusammenhänge ein, die für eingewanderte Menschen relevant sind. In der sozialen Arbeit wird diese umfassende Einbeziehung aller für die Situation relevanten Erfahrungs- und Handlungskontexte bei Personen als Personenorientierung und bei Familien als Lebensweltorientierung bezeichnet. 

Lesen Sie hier, wie Sie diese Dimensionen bei der Beratung und Unterstützung von Menschen mit Behinderung und ihren Familien berücksichtigen können.

 
 
 

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